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"Bilgewasser-Beute" Bearbeiten

Während dem Bilgewasser-Event gab es zum neuen Spielmodus und einer neuen ARAM-Karte auch einige Skins, Wardskins und Champion Überarbeitungen.

Geschichte Bearbeiten

Der Schlachterhafen, Der Job, Ein alter Freund Bearbeiten

Bilgewasser Gezeitenbrand A1T1
Erzählt von Twisted Fate Twisted Fate.

Der Schlachterhafen des Rattenviertels; er riecht genauso übel wie der Name vermuten lässt.

Und trotzdem bin ich hier, verstecke mich in den Schatten und atme den Blut und Galle geschwängerten Gestank geschlachteter Seeschlangen ein.

Ich verschmelze noch mehr mit der Finsternis und ziehe die Hutkrempe tief in mein Gesicht, als schwer bewaffnete Mitglieder der Widerhaken an mir vorüber patrouillieren.

Den Jungs wird eine gewisse Brutalität nachgesagt. In einem fairen Kampf würden sie mich wohl erledigen, aber ich hab es nicht so mit der Fairness, und ich bin auch nicht zum Kämpfen hergekommen. Nicht dieses Mal.

Was bringt mich also hierher, in einen der schmutzigsten Bezirke in Bilgewasser?

Geld. Was sonst?

Es war ein Wagnis, diesen Job anzunehmen, doch die Bezahlung ist so hoch, dass ich mir das unmöglich entgehen lassen kann. Außerdem habe ich diesen Ort in Augenschein genommen, damit die Karten in meinem Sinne gemischt sind.

Hab' auch gar nicht die Absicht lang zu bleiben. Ich will so schnell wie's geht rein und wieder raus. Sobald der Job erledigt ist, hol' ich mir meine Bezahlung ab und bin weg, bevor der Morgen graut. Wenn alles glatt läuft, bin ich schon auf halbem Wege nach Valoran, bevor jemand bemerkt, dass das verdammte Ding verschwunden ist.

Die Schläger biegen um die Ecke der riesigen Schlachthalle. Bedeutet, ich hab' zwei Minuten, bis sie wieder rum sind – jede Menge Zeit.

Der silberne Mond schiebt sich hinter eine Wolkenwand und hüllt den Kai in Schatten. Von der Arbeit am Vortag sind zahlreiche Kisten im Hafenbereich zurückgeblieben. Sie geben eine perfekte Deckung ab.

Ich kann Wachposten auf dem Hauptlagerhaus ausmachen, dunkle Schemen, die mit Armbrüsten bewaffnet Wache schieben. Sie tratschen lautstark wie Fischweiber. Ich könnt' mit Glöckchen an den Stiefeln hier rumlaufen und diese Idioten würden mich immer noch nicht hören.

Sie glauben, niemand wäre dumm genug, hierher zu kommen.

Ein aufgedunsener Leichnam hängt über mir, eine Warnung, die alle sehen sollen. Er dreht sich langsam in der mitternächtlichen Brise, die vom Hafen her herüber weht. Ein widerwärtiger Anblick. Ein riesiger Haken, wie man ihn für den Barschfang einsetzt, hält den Körper in der Höhe.

Ich mache einen großen Schritt über die verrosteten Ketten, die achtlos auf dem nassen Stein liegen gelassen wurden, während ich zwischen zwei riesigen Kränen hindurchgehe. Mit ihnen werden gigantische Seekreaturen in die Schlachthalle gehievt, damit sie dort zerlegt werden können. Diese gewaltigen Fabriken sind der Quell dieses gottverdammten Gestanks, der hier alles durchdringt. Ich werd' mich komplett neu einkleiden müssen, sobald das hier vorbei ist.

Draußen vor der Bucht, hinter dem von Ködern übersäten Wasser des Schlachterhafens, liegen unzählige Schiffe vor Anker. Ihre Laternen wiegen sich sanft im Wind. Eines der Schiffe erregt meine Aufmerksamkeit: eine gewaltige Kriegsgaleone mit schwarzen Segeln. Ich weiß, wessen Schiff das ist. Jeder in Bilgewasser weiß das.

Ich grinse einen Moment lang in mich hinein. Ich bin drauf und dran, den mächtigsten Mann der Stadt zu bestehlen. Es verschafft mir immer einen gewissen Nervenkitzel, dem Tod ins Gesicht zu spucken.

Wie erwartet ist das Hauptlagerhaus besser bewacht als die Jungfräulichkeit einer Adelsdame. An jedem Eingang sind Wachen postiert. Die Tore sind verriegelt und verrammelt. Für jeden außer mir wäre es unmöglich, dort einzubrechen.

Ich ducke mich in eine schmale Straße gegenüber dem Lagerhaus. Es ist eine Sackgasse und sie ist nicht so dunkel, wie ich es gern gehabt hätte. Sollte ich noch hier sein, wenn die Patrouille zurückkehrt, werden sie mich sehen. Und wenn sie mich zu fassen kriegen, ist ein schneller Tod noch das Beste, worauf ich hoffen kann. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass man mich zu ihm bringen würde … und das wäre eine um einiges schmerzhaftere Alternative.

Der Trick ist – wie so häufig – sich nicht erwischen zu lassen.

Dann höre ich sie. Die Raufbolde kehren früh zurück. Mir bleiben bestenfalls Sekunden. Ich ziehe eine Karte aus meinem Ärmel und lasse sie durch meine Finger gleiten; die Bewegung ist so selbstverständlich wie Atmen. Dies ist der leichte Teil, bei dem Rest darf ich nichts überstürzen.

Ich lasse meinen Geist treiben, während die Karte anfängt zu glühen. Um mich herum vergrößert sich der Druck und das Versprechen des Überall überwältigt mich beinahe. Mit halb geschlossenen Augen konzentriere ich mich und mache mir ein Bild von dem Ort, an dem ich sein will.

Dann ist da dieses vertraute Schwindelgefühl in der Magengegend, als ich hinüber wechsle. Eine Verschiebung der Luft und ich befinde mich im Inneren des Lagerhauses. Nahezu spurlos verschwunden.

Verdammt, bin ich gut.

Einer der Widerhaken mag die Gasse hoch schauen und eine einzelne Spielkarte bemerken, die zu Boden fällt; ist aber eher unwahrscheinlich.

Es dauert einen Augenblick, bis ich mich zurechtfinde. Gedämpftes Licht dringt von den Laternen vor dem Gebäude durch die Schlitze in den Wänden. Meine Augen gewöhnen sich an das Dämmerlicht.

Das Lagerhaus ist vollgestopft mit Schätzen aus allen Zwölf Seen: blank polierte Rüstungen, exotische Kunstwerke und schimmernde Seide. Alles Dinge von nicht unbeträchtlichem Wert, doch nicht das, weshalb ich hier bin.

Meine Aufmerksamkeit ist auf die Ladezone im Vorderteil des Lagerhauses gerichtet, wo, wie ich weiß, die neuesten Eingänge aufbewahrt werden. Ich fahre mit den Fingerspitzen über verschiedene Schachteln und Truhen … bis ich zu einer kleinen, hölzernen Schatulle komme. Ich kann die Macht, die aus ihrem Inneren strömt, fühlen. Das ist es, weshalb ich hier bin.

Ich entriegele den Deckel.

Meine Beute ist enthüllt; ein Messer von vorzüglicher Kunstfertigkeit, das auf schwarzen Samt gebettet ist. Ich strecke meine Hand danach aus—

Kla-klack.

Ich erstarre. Dieser Klang ist unverkennbar.

Noch bevor er spricht, weiß ich, wer im Dunkel hinter mir steht.

„T.F.“, sagt Graves. „Lange her.“

Warten, Das Wiedersehen, Feuerwerk Bearbeiten

Bilgewasser Gezeitenbrand A1T2
Erzählt von Graves Graves.

Ich bin schon seit Stunden hier. Manche Leute mögen sich langweilen, während sie so lange stillstehen, doch meine Wut leistet mir Gesellschaft. Ich geh' hier nicht weg, bis die Rechnung beglichen ist.

Lange nach Mitternacht taucht die Schlange endlich auf. Er erscheint plötzlich im Lagerhaus. Derselbe alte Trick. Ich entsichere meine Schrotflinte und bin bereit, ihm das Fell über die Ohren zu ziehen. Nachdem ich Jahre damit zugebracht habe, diesen verräterischen Hurensohn zu finden, steht er nun hier, auf frischer Tat ertappt und direkt vor Schicksals Lauf.

„T.F.“, sage ich. „Lange her.“

Ich hatte mir bessere Worte für diesen Augenblick zurechtgelegt. Witzig, wie sie alle zum Fenster raus flogen, sobald ich ihn sah.

Aber T.F.? Sein Gesicht zeigt keine Regung. Keine Angst, kein Bedauern, nicht einmal den Hauch von Überraschung. Nicht einmal, als er direkt in eine geladene Waffe schaut. Verflucht soll er sein.

„Malcolm, wie lange hast du da schon gestanden?“, fragt er mit einem Lächeln in seiner Stimme, das mich zur Weißglut treibt.

Ich ziele. Ich könnte den Abzug drücken und ihn zu den Fischen schicken.

Ich sollte es.

Aber noch nicht. Ich will, dass er es sagt. “Weshalb hast du es getan?” frage ich und weiß nur zu gut, dass er irgendwas Schlaues erwidern wird.

„Ist die Knarre wirklich nötig? Ich dachte, wir wären Freunde.“

Freunde. Der Bastard will mich verspotten. Jetzt will ich ihm nur noch seinen selbstgefälligen Kopf vom Hals reißen – aber ich muss mich am Riemen reißen.

„Adrett wie eh und je“, sagt er.

Ich schaue auf die Barschbisse in meinen Kleidern. Ich musste schwimmen, um an den Wachen vorbeizukommen. Seitdem er auch nur etwas Geld verdiente, achtet T.F. penibel auf sein äußeres Erscheinungsbild. Ich kann es kaum erwarten, ihm die Garderobe zu ruinieren. Aber vorher will ich Antworten.

„Sag mir, weshalb du mich zurückgelassen und für uns beide bluten lassen hast, oder sie werden die Einzelteile deines hübschen Gesichts aus den Dachsparren pflücken müssen.“ So muss man mit T.F. verfahren. Wenn man ihm Spielraum lässt, zieht er die Fäden und du weißt am Ende nicht mehr, wo hinten und vorn ist.

Als wir noch Partner waren, war es sehr praktisch, dass er so aalglatt sein kann.

„Zehn verdammte Jahre im Schließfach! Weißt du, was das mit 'nem Mann macht?“

Das weiß er nicht. Ausnahmsweise hat er mal nichts Putziges zu sagen. Er weiß, dass er mir Unrecht getan hat.

„Die haben mir Dinge angetan, die die meisten Männer in den Wahnsinn getrieben hätten. Alles, was mich davor bewahrt hat zu brechen, war meine Wut. Und der Gedanke an genau diesen Moment hier.““

Und dann kommt die pfiffige Antwort: „Klingt, als hätte ich dich am Leben gehalten. Vielleicht solltest du mir danken.“

Das trifft einen Nerv bei mir. Ich bin so außer mir, dass ich kaum klar sehen kann. Er versucht mich zu provozieren. Und wenn ich dann vor Zorn blind bin, wird er den Trick mit dem Verschwinden abziehen. Ich atme tief durch und lasse den Köder unangetastet. Er ist überrascht, dass ich nicht anbeiße. Dieses Mal bekomme ich meine Antworten.

“Wie viel haben sie dir dafür bezahlt, dass du mich auslieferst?” knurre ich.

T.F. steht lächelnd da und versucht sich Zeit zu verschaffen.

„Malcolm, ich würde diese Unterhaltung liebend gern mit dir führen, doch dies ist kein guter Zeitpunkt und auch kein guter Ort dafür.“

Fast schon zu spät bemerke ich, wie die Karte durch seine Finger tänzelt. Ich beende die Sache und drücke den Abzug.

PENG.

Seine Karte ist weg. Hab ihm dazu fast die verdammte Hand weggeschossen.

„Idiot!“ blafft er. Endlich habe ich ihn aus der Fassung gebracht. „Du hast gerade die ganze verfluchte Insel aufgeweckt! Du weißt, wessen Lagerhaus das ist?“

Kümmert mich nicht.

Ich bereite einen zweiten Schuss vor. Ich sehe kaum, wie sich seine Hände bewegen, dann explodieren Karten rings um mich herum. Ich schieße zurück und bin nicht sicher, ob ich ihn tot oder nur fast tot sehen will.

Bevor ich ihn in all dem Rauch, der Wut und dem splitternden Holz ausmachen kann, wird eine Tür aufgetreten.

Ein Dutzend Schläger stürmen herein und machen das Durcheinander perfekt.

“Du willst das also wirklich tun?” fragt T.F. und ist bereit, mich mit einer weiteren Handvoll Karten zu bewerfen.

Ich nicke und richte meine Waffe auf ihn.

Es ist Zeit abzurechnen.

Joker, Alarm, Fingerfertigkeit Bearbeiten

Bilgewasser Gezeitenbrand A1T3
Erzählt von Twisted Fate Twisted Fate.

Die Situation wird hässlich. Schnell.

Das ganze verdammte Lagerhaus ist bis zum Bersten mit Widerhaken gefüllt, doch Malcolm könnte das nicht weniger interessieren. Ich bin alles, wofür er sich interessiert.

Ich spüre Graves’ nächsten Schuss kommen und winde mich raus. Der Knall seiner Waffe ist ohrenbetäubend. Eine Kiste explodiert dort, wo ich den Bruchteil einer Sekunde zuvor gewesen bin.

Ich glaube wirklich, mein alter Partner versucht mich zu töten.

Mit einem Salto über einen Haufen Mammutgebeine schleudere ich drei Karten in seine Richtung. Bevor sie ihr Ziel erreichen, gehe ich bereits in Deckung und suche nach einem Ausweg. Ich brauche nur ein paar Sekunden.

Er flucht laut, doch die Karten werden ihn bestenfalls verlangsamen. Er war schon immer ein zäher Bastard. Und ein Sturkopf. Weiß nie, wann es Zeit ist, etwas gut sein zu lassen.

„Du kommst nicht weg, T.F.“, knurrt er. „Nicht dieses Mal.“

Jap, diesen Wesenszug hat er sich also bewahrt.

Doch er irrt sich – wie sonst auch. Ich werd' mich aus dem Staub machen, sobald ich kann. Es hat überhaupt keinen Sinn, mit ihm zu reden, wenn er auf Blut aus ist.

Eine weitere Explosion und schrapnellartige Querschläger von einer unbezahlbaren demacianischen Rüstung, die sich in Wände und Boden graben. Ich husche nach links und nach rechts, schlage Finten und Haken, sprinte von Deckung zu Deckung. Er bleibt an mir dran, brüllt mir Drohungen und Anschuldigen entgegen, während die Schrotflinte in seiner Hand es ihm gleichtut. Graves bewegt sich schnell für einen großen Mann. Das hatte ich fast vergessen.

Doch er ist nicht mein einziges Problem. Mit seiner Ballerei und dem Rumgebrülle hat der verdammte Narr in ein Wespennest gestochen. Die Widerhaken gehen geschlossen auf uns los, doch sie sind clever genug, ein paar Männer am Haupttor zurückzulassen, um dieses zu versperren.

Ich muss hier weg – aber ich gehe nicht ohne das, wofür ich gekommen bin.

Ich habe Graves einmal um das gesamte Lagerhaus herumgeführt und komme nun einen kurzen Moment vor ihm wieder dort an, wo wir gestartet sind. Zwischen mir und meiner Beute sind Haken und es kommen immer noch mehr, doch ich habe keine Zeit zu warten. Die Karte in meiner Hand leuchtet rot auf und ich schleudere sie direkt auf das Lagerhaustor. Die Detonation katapultiert es aus seinen Angeln und zerstreut die Haken. Ich gehe rein.

Einer von ihnen rappelt sich schneller wieder auf als ich erwartet hatte und fuchtelt mit einem Beil vor mir herum. Ich wirbele herum und trete ihm gegen das Knie, während ich seine Freunde mit einer weiteren Ladung Karten bedenke, damit die brav liegen bleiben.

Jetzt wo mein Weg sauber ist, lasse ich den reich verzierten Dolch mitgehen, den zu stehlen ich angeheuert wurde, und mache ihn mit einem Riemen an meinem Gürtel fest. Nach all dem Ärger kann ich mich ebenso gut auszahlen lassen.

Das weit offenstehende Lagerhaustor winkt, doch da drängen zu viele verfluchte Haken rein. Da gibt es keinen Ausweg, also suche ich mir die einzige verbleibende ruhige Ecke in diesem Lagerhaus.

Eine Karte tanzt in meiner Hand, während ich mich darauf vorbereite, hinüber zu wechseln, aber als ich schon beginne wegzutreiben, taucht Graves auf, der mich wie ein tollwütiger Bär verfolgt. Schicksal bäumt sich in seinem Griff auf und schießt einen Widerhaken in Fetzen.

Graves’ Blick ist auf die glühende Karte in meiner Hand gerichtet. Er weiß, was das bedeutet, und schwenkt den rauchenden Lauf seiner Waffe auf mich. Ich bin gezwungen mich zu bewegen, wodurch meine Konzentration gebrochen wird.

„Kannst nicht ewig davon rennen“, blafft er mir hinterher.

Ausnahmsweise ist er mal nicht dumm. Er gibt mir nicht die Zeit, die ich brauche.

Er hält mich davon ab, mein Spielchen zu spielen, und der Gedanke, von diesen Haken überwältigt zu werden, macht mir langsam Sorgen. Ihr Boss ist nicht für seine Gnade bekannt.

Unter dem Dutzend weiterer Gedanken, die in diesem Moment durch mein Hirn rattern, macht sich das Gefühl breit, dass mir eine Falle gestellt wurde. Wie aus dem Nichts wird mir ein einfacher Job zugespielt, ein fetter Fisch, gerade als ich ihn am meisten brauche – und, tada!, da steht mein alter Partner und wartet auf mich. Jemand, der um einiges gerissener ist als Graves, hält mich zum Narren.

Das hätte mir nicht passieren dürfen. Für meine Nachlässigkeit könnte ich mich selbst in den Hintern treten, doch ein ganzer Kai voller Schlägertypen wartet nur darauf, mir die Mühe zu ersparen.

Im Augenblick zählt nur, hier verflucht nochmal wegzukommen. Zwei Schüsse aus Malcolms vermaledeiter Knarre lassen mich weghuschen. Mein Rücken knallt gegen eine staubige Holztruhe. Ein Armbrustbolzen zischt in das verrottete Holz hinter mir, nur ein paar Zentimeter neben meinem Knopf.

„Kein Ausweg, Sonnenscheinchen“, ruft Graves.

Ich schaue mich um und sehe, wie sich das Feuer der Explosion langsam über das Dach ausbreitet. Er könnte Recht haben.

„Wir wurden verraten, Graves“, schreie ich.

„Damit müsstest du dich ja am besten auskennen“, antwortet er.

Ich versuche ihn zu überzeugen.

„Wenn wir zusammenarbeiten, können wir es hier raus schaffen.“

Ich muss ziemlich verzweifelt sein.

„Lieber sähe ich uns beide tot als dir noch einmal zu vertrauen“, knurrt er.

Etwas anderes hatte ich auch nicht erwartet. Vernünftig mit ihm zu reden, macht ihn nur noch wütender – was genau das ist, was ich brauche. Die Ablenkung verschafft mir gerade genügend Zeit, um mich aus dem Lagerhaus zu befördern.

Ich kann Graves im Inneren brüllen hören. Zweifellos ist er gerade an meinem Fleck angekommen, um festzustellen, dass ich verschwunden bin, während eine einzelne Karte auf dem Boden ihn spöttisch anlacht.

Ich werfe einen Kartenregen durch das Lagerhaustor hinter mir. Die Zeit für Fingerspitzengefühl ist längst vorbei.

Einen Augenblick lang fühle ich mich schlecht, weil ich Graves in einem brennenden Gebäude zurücklasse – aber ich weiß, dass ihn das nicht umbringen wird. Dafür ist er viel zu dickköpfig. Außerdem ist ein Feuer im Hafen für eine Hafenstadt eine ernste Angelegenheit. Das könnte mir etwas Zeit verschaffen.

Als ich nach dem schnellsten Weg aus dem Schlachterhafen heraus Ausschau halte, lässt mich das Krachen einer Explosion über meine Schulter schauen.

Graves tritt gerade durch ein Loch, das er in die Seitenwand des Lagerhauses geschossen hat. In seinen Augen die pure Mordlust.

Ich tippe an meinen Hut und renne. Er folgt mir mit donnernder Kanone.

Die Zielstrebigkeit dieses Mannes ist schon bewundernswert.

Hoffentlich bringt sie mich heute Nacht nicht noch um.

Schnitzereien, Eine Lektion in Sachen Stärke, Eine Nachricht Bearbeiten

Bilgewasser Gezeitenbrand A1T4

Die Augen des jungen Bengels waren vor Panik weit aufgerissen, während er zum Quartier des Kapitäns geführt wurde.

Die gequälten Schreie, die von der Tür am Ende des Ganges her dringen, ließen ihn nochmal nachdenken. Die Schreie, die durch die klaustrophobischen Decks dieses riesigen, schwarzen Kriegsschiffes schallten, drangen an die Ohren jedes Crewmitglieds der Todesquell – und dies durchaus gewollt.

Der erste Maat, sein Gesicht ein Netz aus Narben, legte beruhigend eine Hand auf die Schulter des Jungen. Vor der Tür hielten sie an. Das Kind zuckte zusammen, als ein weiteres Wehklagen aus dem Inneren drang.

„Ruhig Blut!“ sagte der erste Maat. „Der Käpt'n wird hören wollen, was du zu sagen hast.“

Dann klopfte er energisch an die Tür. Einen Moment später wurde sie von einem ungeschlachten Kerl mit Gesichtstattoos und einer breiten, gekrümmten Klinge, die über seinem Rücken geschnallt war, geöffnet. Der Junge hörte die Worte, die zwischen den beiden Männern ausgetauscht wurden, nicht; sein Blick war auf die stämmige Gestalt geheftet, die mit dem Rücken zu ihm saß.

Er war ein großer Mann, der Kapitän, und etwa mittleren Alters. Sein Genick und seine Schultern waren dick und bullig. Seine Ärmel waren hochgekrempelt und seine Unterarme blutbeschmiert. In der Nähe hing ein roter Wintermantel neben seinem schwarzen Dreispitz.

„Gangplank“, flüsterte der Bengel mit vor Angst und Ehrfurcht gedämpfter Stimme.

„Käpt'n, ich schätz', du willst das hier hören“, sagte der Maat.

Gangplank sagte nichts und drehte sich auch nicht um, da er weiterhin auf seine Arbeit konzentriert war. Der narbenübersäte Seemann schubste den Jungen nach vorn. Er stolperte, bevor er wieder Halt fand und näher schlurfte. Das Kind ging auf den Kapitän der Todesquell zu wie auf eine Felskante. Sein Atem beschleunigte sich, als er ungehindert auf die Arbeit des Kapitäns blicken konnte.

Lachen blutigen Wassers sammelten sich auf Gangplanks Schreibtisch, dazwischen ein großes Spektrum an Messern, Haken und blitzende chirurgische Werkzeuge.

Ein Mann lag, mit Lederriemen festgeschnallt, auf der Werkbank des Kapitäns. Nur sein Kopf war frei. In wilder Verzweiflung schaute er um sich, der Nacken angespannt, sein Gesicht schweißbedeckt.

Der Blick des Jungen war unerbittlich auf das geschundene linke Bein des Mannes geheftet. Der Bengel stellte plötzlich fest, dass er sich nicht daran erinnern konnte, weshalb er hierhergekommen war.

Gangplank wandte sich von seiner Arbeit ab, um den Besucher anzustarren. Seine Augen waren so kalt und tot wie die eines Hais. Er hielt in einer Hand eine schmale Klinge, die er grazil zwischen seinen Fingern ausbalancierte, als hielte er einen Farbpinsel.

„Sie ist eine aussterbende Kunstform, die Knochenschnitzerei“, sagte Gangplank, während er sich wieder seiner Arbeit widmete. „Nur wenige haben heutzutage noch die Geduld Knochen zu schnitzen. Es braucht seine Zeit. Siehst du? Jeder Ritzer dient einem Zweck.“

Irgendwie war der Mann immer noch am Leben, trotz der zerfetzten Wunde in seinem Bein, dessen Haut und Fleisch von seinem Oberschenkelknochen geschält wurden. Vor Entsetzen gelähmt sah der Junge die verschlungenen Verzierungen, die auf diesem Knochen eingeritzt waren; sich windende Tentakel und Wellen. Es war eine grazile Arbeit, wunderbar ebenmäßig. Das machte das Ganze sogar noch schrecklicher.

Gangplanks lebende Leinwand schluchzte.

„Bitte …“, stöhnte er.

Gangplank ignorierte das jämmerliche Flehen und setzte sein Messer erneut an. Er spritzte eine Tasse billigen Whiskeys über seine Arbeit, um sie vom Blut zu befreien. Die Schreie des Mannes drohten, ihm die Kehle herauszureißen, bis er in gnädiger Bewusstlosigkeit zusammensackte und seine Augen nach hinten in seinen Kopf rollten. Gangplank grummelte angewidert.

„Denke immer daran, Junge“, sagte Gangplank. „Manchmal vergessen selbst die Treuesten, wo sie hingehören. Manchmal ist es notwendig, sie daran zu erinnern. Bei wahrer Macht dreht sich alles darum, wie die Leute dich sehen. Siehst du schwach aus, und wenn auch nur für einen Moment, bist du erledigt.“

Das Kind nickte mit bleichem Gesicht.

„Weck ihn auf“, sagte Gangplank, während er auf das bewusstlose Mannschaftsmitglied zeigte. „Die ganze Crew soll sein Lied hören.“

Als der Schiffsarzt vortrat, richtete Gangplank seinen Blick wieder auf das Kind.

„Also“, sagte er. „Was wolltest du mir erzählen?“

„Ein … ein Mann“, sagte der Junge zögerlich. „Ein Mann im Hafen, im Rattenviertel.“

„Weiter“, sagte Gangplank.

„Er gab sich Mühe, nicht von den Haken gesehen zu werden. Aber ich hab' ihn gesehen.“

„Mm-hmm”, murmelte Gangplank, während sein Interesse bereits nachließ. Er wandte sich wieder seiner Arbeit zu.

„Erzähl weiter, Bursche“, drängte der erste Maat.

„Er spielte mit einem Deck ausgefallener Karten herum. Sie glühten ganz komisch.“

Gangplank stand von seinem Stuhl auf wie ein Riese, der sich aus den Tiefen erhebt.

„Sag mir, wo genau“, sagte er.

Der Ledergurt seines Halfters knarzte, als sein Griff fester wurde.

„Beim Lagerhaus, dem großen bei den Schuppen.“

Gangplanks Gesicht errötete vor Wut, während er seinen Wintermantel und seinen Hut vom Haken nahm. Seine Augen funkelten im Licht der Lampe rot. Nicht nur das Kind wich einen vorsichtigen Schritt zurück.

„Gib dem Jungen eine Silberschlange und ein warmes Mahl“, befahl der Kapitän seinem ersten Maat, während er mit großen Schritten aus der Kabinentür schritt.

„Und sorge dafür, dass alle zum Hafen kommen. Wir haben da was zu erledigen.“

[1]

Handgemenge an den Docks, Schlachterbrücke, Ein Trommelfeuer Bearbeiten

Bilgewasser Gezeitenbrand A2T1
Erzählt von Graves Graves.

Der Husten treibt mir den Ruß wieder die Lunge hoch. Der Rauch vom Lagerhausbrand zerreißt mir die Lungen, aber ich hab' keine Zeit zum Durchatmen. T.F. macht sich davon und ich will verdammt sein, wenn ich noch einmal ein ganzes Hundeleben damit zubringe, ihn durch Runeterra zu jagen. Es endet heute Nacht.

Der Bastard sieht mich kommen. Er schiebt ein paar Dockarbeiter aus dem Weg und rennt über den Kai. Er versucht, seine Fluchtkarte auszuspielen, aber ich halte ihn auf Trab, sodass er sich nicht konzentrieren kann.

Immer mehr Haken schwirren herum, wie Fliegen um ein Plumpsklo. Bevor sie sich ihm in den Weg stellen können, wirft T.F. einige seiner Explosionskarten und erledigt die Typen. Ein paar Haken sind für ihn leichtes Spiel. Aber ich bin es nicht. Ich komme, um meine Schulden einzutreiben und T.F. weiß das. Er bahnt sich so schnell er kann einen Weg den Kai herunter.

Seine Rauferei mit den Hafenarbeitern verschafft mir gerade genug Zeit um aufzuholen. Er sieht mich und huscht hinter einen großen Haufen Walknochen. Ein Krachen meiner Knarre und seine Deckung liegt in Trümmern, die Luft voll von Knochensplittern.

Er antwortet, indem er versucht, mir den Kopf wegzuballern, doch ich zerschieße seine Karte noch in der Luft. Sie explodiert wie eine Bombe und schickt uns beide auf die Hosenboden. Er rappelt sich als erster auf und flitzt los. Ich feuere Schicksal ab, so schnell sie schießen kann.

Einige Haken setzen uns mit Ketten und Entermessern nach. Ich drehe mich schnell um und blase ihnen die Eingeweide raus. Bevor ich das nasse Klatschen ihrer Innereien auf dem Kai hören kann, drehe ich mich auf dem Absatz um. Ich ziele auf T.F., doch ein Pistolenschuss lässt mich aufmerken. Weitere Haken, und diese sind besser bewaffnet.

Ich ducke mich hinter die Überbleibsel eines Fischkutters, um das Feuer zu erwidern. Doch meine Waffe gibt nur ein leises Klicken von sich. Muss nachladen. Ich packe ein paar neue Granaten in den Zylinder, spucke meinen Frust auf den Boden und stürze mich wieder ins Chaos.

Überall um mich herum bersten hölzerne Kisten unter dem Beschuss. Ein so'n Ding reißt mir ein Stück von meinem Ohr weg. Ich beiße die Zähne zusammen und pflüge mich weiter voran, während ich den Abzug drücke. Schicksal knabbert sich durch alles durch. Ein Widerhaken geht seines Kiefers verlustig. Ein anderer wird in die Bucht hinaus geschleudert. Ein dritter wird in rote Fetzen aus Muskeln und Sehnen zerrissen.

Ich dreh' mich um und sehe, wie sich T.F. tiefer in den Schlachterhafen flüchtet. Ich renne an einem Fischhändler vorbei, der gerade Aale aufhängt. Eines der Biester wird gerade gehäutet, seine Innereien verteilen sich auf der Kaimauer. Der Händler dreht sich mit schwingendem Fleischerhaken zu mir um.

BUMM.

Ich schieß' ihm das Bein weg.

BUMM.

Ich setze mit einem Kopfschuss nach.

Ich trete einen stinkenden Messerfischkadaver aus dem Weg und bleibe in Bewegung. Das Blut steht hier knöcheltief, ein Teil davon von den Fischen und ein Teil davon von den Haken, die wir über den Haufen geschossen haben. Genug, um einem Gecken wie T.F. einen Anfall zu bescheren. Selbst während ich ihm auf den Fersen bin, verlangsamt er sein Tempo, um sich den Gehrock nicht schmutzig zu machen.

Bevor ich ihn einhole, setzt T.F. wieder zum Sprint an. Ich merke, wie ich immer mehr außer Atem gerate.

“Dreh' dich um und stell dich mir!” schreie ich.

Was für eine Art Mann stellt sich nicht seinen Problemen?

Ein Lärmen zu meiner Rechten lenkt meine Aufmerksamkeit auf einen Balkon, auf dem zwei weitere Haken stehen. Ich schieße und das ganze Ding kracht auf den Boden.

Der Rauch von Gewehr und Trümmern ist so dick, dass ich überhaupt nichts mehr sehe. Ich renne in Richtung des Klapperns seiner Damenstiefel auf den Holzlatten. Er hält auf die Schlachterbrücke am Ende des Schlachterhafens zu – dem einzigen Weg runter von der Insel. Ich will verdammt sein, wenn ich ihn nochmal entwischen lasse.

Als ich die Brücke erreiche, bremst T.F. auf halbem Wege ab. Zuerst denk' ich, er gibt auf. Dann sehe ich, weshalb er stoppt: Am gegenüberliegenden Ende versperrt ihm ein ganzer Mob schwerterschwingender Bastarde den Weg. Doch ich weiche nicht zurück.

T.F. dreht sich um und sieht mich. Er sitzt in der Falle. Er sieht über die Seite der Brücke auf das Wasser hinunter. Er überlegt, ob er springen soll, aber ich weiß, dass er das nicht tun wird.

Ihm gehen die Optionen aus. Er geht langsam auf mich zu.

„Sieh mal, Malcolm, keiner von uns muss hier sterben. Sobald wir hier raus sind–“

„Wirst du wieder wegrennen. Das ist alles, was du je konntest.“

Er antwortet nicht. Plötzlich scheint er sich um mich nicht mehr so große Sorgen zu machen. Ich drehe mich um und sehe, was seine Aufmerksamkeit erregt.

Ich sehe, wie hinter mir jeder Abschaum, der eine Klinge oder Pistole tragen kann, auf die Docks stürmt. Gangplank muss all seine Jungs aus der Stadt hergerufen haben. Weitergehen wäre das Todesurteil.

Doch Überleben ist mir heute nicht das Wichtigste.

Closing In, Above the Abyss, Taking a Dive Bearbeiten

Bilgewasser Gezeitenbrand A2T2
Erzählt von Twisted Fate Twisted Fate.

Sie haben es nicht eilig, die Haken. Jetzt nicht mehr. Sie wissen, dass sie uns in der Falle sitzen haben. Hinter ihnen hat es den Anschein, kein rattenmeuchelnder Halsabschneider in Bilgewasser wolle sich die Party entgehen lassen. Zurück geht es nicht.

Am anderen Ende der Brücke scheint die ganze Rotkappen-Gang mir den Fluchtweg in das Gewimmel der Armenviertel von Bilgewasser zu versperren. Sie beherrschen das östliche Hafengebiet. Gangplank besitzt sie, ebenso wie er die Haken besitzt und so ziemlich die ganze verdammte Stadt.

Hinter mir stampft Graves immer näher. Der sturköpfige Hurensohn schert sich gar nicht um den Schlamassel, in dem wir stecken. Es ist verblüffend, wirklich. Hier sind wir wieder, genau wie vor all diesen Jahren. Stehen bis zum Hals in der Jauche und er hört einfach nicht zu.

Ich wünschte, ich könnte ihm sagen, was damals wirklich geschah, doch das hat überhaupt keinen Sinn. Er würde mir nicht glauben, keine einzige Sekunde lang. Sobald sich etwas in seinem Dickschädel festgefressen hat, braucht es eine Weile, bis man es wieder loswird. Und diese Weile haben wir nicht.

Ich zieh' mich auf die Seite der Brücke zurück. Als ich über das Geländer sehe, fallen mir die Winden und Flaschenzüge auf, die unter mir hängen – dann kommt ganz weit unten der Ozean. Mein Kopf dreht sich und mir rutscht der Magen in die Stiefel. Als ich zurück in die Mitte der Brücke wanke, wird klar, in was für einer beschissenen Lage ich mich befinde.

In der Ferne zeichnet sich Gangplanks Schiff mit seinen schwarzen Segeln ab. Von ihm aus hält unter uns eine verdammte Armada straff rudernd auf uns zu. Offenbar haben sich all seine Männer in unsere Richtung aufgemacht.

Ich komm' nicht an den Haken vorbei, ich komm' nicht an den Kappen vorbei und dann versperrt mir auch noch Graves Dickköpfigkeit den Weg.

Es bleibt nur eine Alternative.

Ich steige auf das Geländer der Brücke. Wir sind sogar noch höher als mir bewusst war. Der Wind zerrt an meinem Mantel, sodass er flattert wie die Segel eines Schiffes. Ich hätte nie zurück nach Bilgewasser kommen sollen.

„Zur Hölle, mach, dass du da runter kommst“, sagt Graves. Ist da ein Hauch von Verzweiflung in seiner Stimme? Es würde ihn fertig machen, stürbe ich, bevor er das Geständnis bekäme, das ihm so wichtig ist.

Ich hole tief Luft. Das ist wirklich ein verdammt weiter Weg bis nach unten.

„Tobias“, sagt Malcolm. „Tritt zurück.“

Ich halte inne. Diesen Namen habe ich sehr lange nicht gehört.

Dann springe ich von der Brücke.

Der Auftritt, Ein Beobachter, In die Nacht Bearbeiten

Bilgewasser Gezeitenbrand A2T3

Die Eiserne Hydra war eine der wenigen Tavernen in Bilgewasser, deren Boden nicht mit Sägemehl ausgelegt war. Selten wurden Drinks verschüttet, geschweige denn Zähne; doch in dieser Nacht konnte man ihre Kundschaft bis zur Taucherklippe hören.

Männer von einigem Ansehen und noch größerem Vermögen johlten und fluchten Lieder von ihren schlimmsten Taten.

Und dort, in ihrer Mitte, stand die Dirigentin des heutigen Gelages.

Sie wirbelte herum, stieß mit ihnen auf die Gesundheit des Hafenmeisters und seiner Wachen an. Ihr schimmernd rotes Haar peitschte herum und zog die Blicke aller Männer im Raum auf sich. Nicht dass sie ohnehin schon nichts anderes als sie anstarrten.

Die Maid mit den blutroten Haaren hatte die ganze Nacht darauf geachtet, dass nicht ein einziges Glas leer herumstand. Doch nicht die getrübten Sinne jedes Mannes im Raum ließen sie näher rücken. Es war das Versprechen ihres nächsten wunderbaren Lächelns.

Während die Heiterkeit die Taverne noch immer beben ließ, öffnete sich die Vordertür und ein schlicht gekleideter Mann trat ein. Er war bis zu einem Maße unscheinbar, das nur durch jahrelange Übung erreichbar war. Er ging zum Tresen hinüber und bestellte einen Drink.

Inmitten der unbeholfen versammelten Herren griff die junge Frau nach einem frischen Glas Bernsteinale.

„Meine verehrten Freunde, ich fürchte, ich muss gehen“, sagte sie mit überschwänglicher Geste.

Die Männer der Hafenwache antworteten mit lautem Protest.

„Aber, aber! Wir haben unseren Spaß gehabt“, rügte sie die Versammelten freundlich. „Ich habe noch eine arbeitsreiche Nacht vor mir und ihr seid alle schon sehr spät dran für eure Wachablösung.“

Sie sprang, ohne aus dem Takt zu kommen, auf einen Tisch, bevor sie mit triumphierender Schadenfreude auf sie herunter sah.

„Möge die Mutter aller Seeschlangen uns all unsere Sünden vergeben!“

Sie schenkte ihnen ihr gewinnendstes Lächeln, hob den großen Krug an ihre Lippen und leerte das Bier in einem Zug.

„Vor allem die großen“, sagte sie, während sie ihr Glas auf den Tisch knallte.

Sie wischte sich mit einem verzückten, anerkennenden Seufzen das Bier vom Mund und hauchte ihnen allen einen Kuss zu.

Die Menge teilte sich wie Diener vor ihrer Königin.

Der freundliche Hafenmeister hielt ihr die Tür auf. Er hoffte, einen letzten wohlwollenden Blick von ihr zu erheischen, doch sie war in den Straßen verschwunden, bevor er von seinem wackeligen Hofknicks aufschauen konnte.

Draußen war der Mond hinter dem Adlerhorst verschwunden und die nächtlichen Schatten schienen sich nach der Frau zu recken. Mit jedem Schritt, den sie sich von der Taverne entfernte, wurde sie zielstrebiger und sicherer. Ihr Schleier der Sorglosigkeit hatte sich aufgelöst und den Blick auf ihr wahres Selbst enthüllt.

Ihr Lächeln, ihre Freude, ihr Staunen – waren fort. Sie starrte grimmig, ohne die Straßen und Gassen um sich herum zu sehen, denn sie blickte weit jenseits auf die vielen Möglichkeiten der dunklen Nacht, die vor ihr lag.

Hinter ihr schloss der schlicht gekleidete Mann aus der Taverne zu ihr auf. Seine Schritte waren leise, doch nervenaufreibend flink.

Mit gemäßigtem Herzschlag passte er seinen Schritt perfekt dem ihren an, direkt im toten Winkel ihrer Schulter, sodass sie ihn nicht sehen konnte.

„Ist alles vorbereitet, Rafen?“, fragte sie.

Nach all diesen Jahren verblüffte es ihn immer noch, wie er sie nie überraschen konnte.

„Ja, Käpt'n“, sagte er.

„Man hat dich nicht gesehen?“

„Nein“, erwiderte er, während er seinen Unmut ob der Frage bremste. „Der Hafenmeister hat die Bucht außer Acht gelassen und das Schiff war so gut wie leer.“

„Und der Junge?“

„Hat seine Rolle gespielt.“

„Gut. Wir treffen uns auf der Syrene.“

Auf ihr Wort hin wandte sich Rafen ab und verschwand in der Dunkelheit.

Sie ging weiter, während die Nacht sie einhüllte. Alles war in Bewegung. Alles, was noch blieb, war, dass ihre Spieler die Vorstellung beginnen ließen.

Der Fall, Ein exquisites Paar Schuhe, Orangen Bearbeiten

Bilgewasser Gezeitenbrand A2T4
Erzählt von Twisted Fate Twisted Fate.

Ich höre Graves brüllen, als ich von der Brücke abtauche. Alles, was ich sehen kann, ist das Seil unter mir. Es ist nicht nötig, über den Fall oder die bodenlose, schwarze Tiefe nachzudenken.

Alles löst sich in einem Schleier aus brausendem Wind auf.

Ich schreie fast vor Freude, als ich das Seil zu fassen bekomme, doch es brennt sich wie ein Brenneisen in meine Handfläche. Mein Fall wird abrupt abgebremst, als ich an das Ende des verschlungenen Kabels rutsche.

Einen Moment lang hänge ich nur fluchend da.

Ich hatte gehört, dass ein Fall ins Wasser aus dieser Höhe einen nicht umbringt, aber ich versuche mein Glück lieber auf dem steinernen Ladedock, das mindestens fünfzig Fuß unter mir liegt. Ich werde sterben, aber das ist eine verdammt nochmal bessere Aussicht als zu ertrinken.

Zwischen mir und der steinernen Plattform verläuft ein Paar Schwerlastkabel von hier zum Festland, das eine hin, das andere zurück. Sie werden von schwerfälligen, lauten Mechanismen angetrieben. Sie dienen dem Transport zerkleinerter Teile von Meerestieren in das eigentliche Bilgewasser.

Die Kabel klimpern, als ein schwerer, verrosteter Behälter, der so groß ist wie ein Haus, auf mich zu schleift.

Für eine Sekunde schleicht sich ein Lächeln auf mein Gesicht. Zumindest bis ich sehe, was sich in dem Rollwagen befindet. Ich bin drauf und dran, mich mit den Füßen voran in einen Bottich voller schäumender Fischeingeweide fallen zu lassen.

Es hat mich Monate gekostet, um das Kleingeld für meine Stiefel zusammenzubekommen. Sie sind so anschmiegsam wie Spinnfäden und robust wie gehärteter Stahl. Sie wurden aus der Haut eines Tiefseedrachen gefertigt. Auf der ganzen Welt gibt es weniger als vier Paar davon.

Verdammt.

Ich passe meinen Sprung gerade richtig ab und lande mitten in dem Fischfutterbottich. Die kalte Brühe sifft durch jede handgenähte Naht meiner kostspieligen Stiefel. Wenigstens ist mein Hut sauber.

Plötzlich höre ich wieder diese vermaledeite Knarre bellen.

Der Anleger explodiert.

Der Wagen ächzt, als er vom Kabel rutscht. Es presst mir die Luft aus dem Körper, als der Bottich mit einem Knall auf der Steinplattform aufschlägt. Ich fühle, wie das Fundament des Kais bebt, bevor alles wieder an Ort und Stelle ist.

Die Welt fällt mir, zusammen mit einer Tonne Fischinnereien, auf den Kopf.

Während ich mich auf die Beine rappele, suche ich wieder nach einem Ausweg. Gangplanks Barkassen kommen näher. Sind fast da.

Benommen schleppe ich mich auf ein kleines Boot zu, das am Verladekai festgemacht hat. Ich habe es nicht einmal zur Hälfte dorthin geschafft, als eine Schrotflinte dessen Rumpf aufreißt und es versenkt.

Während es untergeht, sinke auch ich erschöpft auf meine Knie. Ich versuche trotz meines eigenen Gestanks etwas Luft zu bekommen. Malcolm steht über mir. Irgendwie hat auch er es hier runter geschafft. Natürlich hat er das.

Natürlich hat er das. „Nicht mehr ganz so anmutig, was?“, grinst Graves, als er mich von oben bis unten mustert.

„Wirst du denn je dazulernen?“, sage ich, während ich mich aufrichte. „Jedes Mal, wenn ich versuche, dir zu helfen, werd'–“

Er feuert vor mir in den Boden. Ich bin ziemlich sicher, Bruchstücke von irgendwas fressen sich in mein Schienbein. „Würdest du doch nur mal zuh–“

„Oh, mit Zuhören bin ich fertig“, unterbricht er mich, indem er die Worte zwischen seinen Zähnen durch presst. „Der größte Coup in unser beider Leben und bevor ich wusste, was geschah, warst du verschwunden.“

„Bevor du wusstest, was geschah? Ich habe dir gesagt, d–”

Eine weitere Explosion, eine weitere Steindusche, doch das kümmert mich nicht mehr.

„Ich hatte versucht, uns rauszubekommen. Der Rest von uns sah, dass der Job den Bach runter geht“, sage ich. „Aber du wolltest nicht einlenken. Das tust du nie. Die Karte ist in meiner Hand, bevor ich es realisiere.

„Ich hab' dir gesagt, du musst mir nur den Rücken freihalten. Wir wären ohne einen Kratzer und als reiche Männer da raus spaziert. Aber du bist gerannt“, sagt er, während er einen Schritt auf mich zu kommt. Der Mann, den ich einmal kannte, scheint unter Jahren des Hasses verloren zu sein.

Ich versuche nicht, noch irgendetwas zu sagen. Ich kann es jetzt in seinen Augen sehen. Etwas ist in ihm drin zerbrochen.

Über seiner Schulter sehe ich ein Flackern – ein Steinschlossgewehr. Die ersten Männer von Gangplanks Mannschaft haben uns eingeholt.

Ohne darüber nachzudenken, schnipse ich die Karte. Sie fliegt auf Graves zu.

Seine Waffe donnert.

Meine Karte erledigt Gangplanks Mann. Seine Pistole war auf Malcoms Rücken gerichtet.

Hinter mir sackt ein weiteres seiner Crewmitglieder mit einem Messer in seiner Hand zu Boden. Hätte Graves nicht geschossen, hätte er mich eiskalt erwischt.

Wir beide schauen einander an. Macht der Gewohnheit.

Gangplanks Männer sind nun überall, kommen jaulend und johlend näher. Zum Kämpfen sind es zu viele.

Doch das hält Graves nicht auf. Er legt seine Waffe an, hat aber keine Munition mehr.

Ich ziehe keine Karte. Das hat keinen Sinn.

Malcolm brüllt und stürzt sich auf sie. Das ist seine Art. Er zerschmettert einem der Bastarde mit dem Kolben seiner Waffe die Nase, bevor der Mob ihn zu Boden schlägt.

Hände greifen nach mir, halten meine Arme fest am Boden. Malcolm wird auf seine Füße gezerrt, das Blut tropft ihm vom Gesicht.

Unheilverkündend verstummt plötzlich das Gejohle und Rufen des Mobs.

Die Mauer aus Schlägern teilt sich und gibt den Blick auf eine Gestalt im roten Mantel frei, die auf uns zu schreitet.

Gangplank

Aus der Nähe betrachtet ist er viel größer als man sich das vorstellt. Und älter. Die Linien in seinem Gesicht sind tief und kantig.

In einer Hand hält er eine Orange, deren Haut er mit einem Schnitzmesser mit kurzer Klinge abschält. Er tut das sehr langsam, um jeden Schnitt auszukosten.

„Nun sagt mal, Jungs“, beginnt er. Seine Stimme ist ein tiefes, grollendes Knurren. „Mögt ihr Schnitzereien?“

[2]

Blut, Wahrheit, Die Tochter des Todes Bearbeiten

Bilgewasser Gezeitenbrand A3T1
Erzählt von Graves Graves.

Die Faust schlägt erneut in mein Gesicht. Ich falle wie ein Sack Mehl auf das Deck von Gangplanks Schiff. Eiserne Handschellen graben sich in meine Handgelenke.

Ich werde wieder hoch gezerrt und gezwungen, mich neben T.F. zu knien. Nicht dass meine Beine mich halten würden, wenn dieser pockenverseuchte Haufen mich auf die Füße stellte.

Den riesigen, muskelbepackten Bastard, der mich geschlagen hat, kann ich immer nur für ein paar Sekunden scharf sehen.

„Na komm schon, Söhnchen“, lalle ich. „Du stellst das ja ganz falsch an.“

Den nächsten Schlag sehe ich nicht kommen. Nur eine Schmerzexplosion und ich liege wieder auf dem Deck. Einmal mehr werde ich hochgehoben und gezwungen, mich hinzuknien. Ich spucke Blut und Zähne. Dann grinse ich.

„Meine alte Mutter schlägt härter zu als du, Junge. Und die ist nun schon seit fünf Jahren unter der Erde.“

Er tritt vor, um mich noch einmal zu Boden zu schicken, doch ein Wort von Gangplank lässt ihn innehalten.

„Genug“, sagt der Kapitän.

Leicht schwankend versuche ich mich auf Gangplanks verschwommene Silhouette zu konzentrieren. Langsam klärt sich meine Sicht. Ich sehe, dass er an seiner Taille das verdammte Messer trägt, das T.F. gestohlen hat.

„Twisted Fate, hm? Ich hörte, du wärst gut, und ich bin niemand, der auf einen guten Dieb herabschaut“, sagt Gangplank. Er tritt näher und blitzt T.F. förmlich an. „Aber ein guter Dieb weiß es besser, als mich zu bestehlen.“ Er hockt sich nieder und guckt mir direkt in die Augen.

„Und du... „Wärst du nur für drei Zacken cleverer, würde deine hübsche Knarre für mich arbeiten. Aber darüber sind wir nun hinaus.“

Gangplank steht auf und dreht uns den Rücken zu.

„Ich bin kein unvernünftiger Mann“, fährt er fort. „Ich erwarte nicht, dass das Volk vor mir niederkniet. Alles, worum ich bitte, ist ein Mindestmaß an Respekt – etwas, worauf ihr Jungs scheißt. Und das darf nicht ungesühnt bleiben.“

Seine Mannschaft drängt sich näher um uns herum wie Hunde, die auf den Befehl warten, uns in Stücke zu zerreißen. Aber ich bin nicht verunsichert. Diese Befriedigung werde ich ihnen nicht geben.

„Tu' mir einen Gefallen“, sage ich, während ich zu T.F. rüber nicke. „Töte ihn zuerst.“

Gangplank lacht darüber.

Er nickt einem Mannschaftsmitglied zu, das daraufhin beginnt, die Schiffsglocke zu läuten. Als Antwort darauf ertönen ein Dutzend weitere in der Hafenstadt. Trunkenbolde, Seeleute und Ladenbesitzer strömen auf die Straßen hinaus, um zu sehen, was der Krawall zu bedeuten hat. Der Bastard will ein Publikum.

„Ganz Bilgewasser schaut zu, Jungs“, sagt Gangplank. „Wird Zeit, dass wir ihnen eine Show bieten. Holt die Tochter des Todes raus.“

Ein Jubel bricht aus und das Deck bebt vom Klang stampfender Füße. Eine alte Kanone wird herangerollt. Sie mag verrostet und mit grüner Patina überzogen sein, doch sie ist immer noch eine Schönheit.

Ich blicke zu T.F. Sein Kopf ist nach vorn gesunken und er sagt keinen Mucks. Sie haben ihm seine Karten abgenommen …sobald sie alle gefunden hatten. Sie haben ihm noch nicht mal seinen lächerlichen Geckenhut gelassen. Ein inzüchtiger kleiner Bastard in der Menge trägt ihn jetzt.

In all den Jahren, die ich T.F. kenne, hatte er immer einen Ausweg. Ohne einen solchen, hier und jetzt, sieht er bezwungen aus.

Gut.

„Du kriegst, was du verdienst, du Hurensohn“, knurre ich ihn an.

Er starrt mich an. Es flackert noch immer ein Feuer in ihm.

„Ich bin nicht stolz darauf, wie die Dinge gelaufen si–“

“Du hast mich zum Verrotten zurückgelassen!” unterbreche ich.

„Ich und die ganze Crew haben versucht, dich rauszuholen. Und sie sind dafür gestorben!“, schnauzt er mich an. „Wir haben Kolt verloren, Wallach, Klinger – sie alle – bei dem Versuch, deinen störrischen Arsch zu retten.“

„Aber du scheinst ja ganz gut davongekommen zu sein“, entgegne ich. „Und weißt du, weshalb? Weil du ein Feigling bist. Und nichts, was du jemals sagen wirst, kann daran etwas ändern.“

Meine Worte treffen ihn wie ein Schlag in die Magengrube. Er bestreitet es nicht. Das letzte Kampfesglimmen in ihm erlischt, seine Schultern sacken zusammen. Er ist erledigt.

Ich glaube, nicht mal T.F. ist ein so guter Schauspieler. Meine Wut verebbt.

Plötzlich fühle ich mich müde. Müde und alt.

„Alles ist den Bach runtergegangen und vielleicht sind wir beide schuld“, sagt er. „Aber ich habe trotzdem nicht gelogen. Wir haben versucht, dich rauszubekommen. Auch egal. Du glaubst sowieso was du willst.“

Es braucht einen Moment, um das sacken zu lassen. Und noch einen Moment, um zu realisieren, dass ich ihm glaube.

Verdammt nochmal, er hat Recht.

Ich erledige die Dinge auf meine Weise. Schon immer. Immer wenn ich das Blatt überreizt hatte, hat er mir den Hintern gerettet. Er war immer der mit dem Ausweg.

Aber an dem Tag habe ich nicht auf ihn gehört – und seitdem auch nie wieder.

Und jetzt habe ich uns beide auf dem Gewissen.

Plötzliche werden T.F. und ich auf unsere Füße gerissen und zu der Kanone geschleift. Gangplank tätschelt ihre Mündung, als wäre sie ein preisgekrönter Hund.

„Die Tochter des Todes hat mir immer gute Dienste geleistet“, philosophiert er. „Ich habe nur darauf gewartet, ihr einen würdigen Abgang zu ermöglichen.“

Eine schwere Kette wird hervorgeholt und die Seemänner beginnen, sie um die Kanone zu winden. Ich verstehe jetzt, wie die Sache laufen soll.

T.F. und ich sind Rücken an Rücken zusammengeschoben worden und dieselbe Kette wird uns um unsere Beine und durch unsere Handschellen gelegt. Ein Schloss rastet ein und fesselt uns an die Kette.

Eine Luke im Schiffsrumpf wird aufgeschoben und die Kanone an die Lücke gerollt. Die Kais und der gesamte Hafen von Bilgewasser wimmeln nur so vor Schaulustigen, die gekommen sind, um sich die Vorstellung anzuschauen.

Gangplank legt den Hacken seiner Stiefel auf der Kanone ab.

„Tja, aus dem Schlamassel kriege ich uns nun nicht raus“, sagt T.F. über seine Schulter hinweg. „Ich hab' immer gewusst, dass du mich eines Tages umbringen würdest.“

Das entlockt mir nun doch ein Lachen. Es ist lange her, seitdem ich das letzte Mal gelacht habe.

Wir werden an den Rand des Schiffes gezerrt, wie Kühe zur Schlachtbank.

Ich schätze, hier endet meine Geschichte. Eine Weile lief es ziemlich rund. Aber niemandes Glück währt ewig.

Und erst in dem Moment weiß ich, was ich tun muss.

Vorsichtig zerre ich an meinen Handschellen, um in meine Gesäßtasche zu greifen. Sie ist immer noch da; die Spielkarte, die T.F. am Lagerhaus fallengelassen hat. Ich wollte sie ihm in den Hals stopfen.

Sie haben T.F. gründlich nach Karten abgesucht – aber mich nicht.

Ich stubse ihn an. Da wir Rücken an Rücken aneinandergekettet sind, ist es ein Leichtes, T.F. die Karte zuzustecken, ohne gesehen zu werden. Ich kann fühlen, wie er zögert, als ich sie ihm rüber gebe.

„Ihr zwei gebt einen mickrigen Zehnt ab, doch ihr werdet genügen“, sagt Gangplank. „Bestellt der Bärtigen Dame meine besten Grüße.“

Mit einem Wink in Richtung der versammelten Mannschaft tritt Gangplank die Kanone über die Seite. Unter großem Spritzen trifft sie auf das pechschwarze Wasser und sinkt unaufhaltsam hinab. Die Kette an Deck wickelt sich schnell ab.

Nun, zu guter Letzt, glaube ich T.F. Ich weiß, dass er alles versucht hat, um mich rauszubekommen, wie er es all die Male zuvor getan hat, als wir zusammen loszogen. Dieses eine Mal wenigstens habe ich den Ausweg. Ich kann ihm zumindest das geben.

„Verschwinde hier.“

Er beginnt mit seinen Bewegungen, dreht die Karte um seine Finger. Als sich die Macht aufbaut, fühle ich einen unangenehmen Druck an meinem Hinterkopf. Ich habe es immer gehasst, nahe bei ihm zu sein, wenn er seinen Trick abzog.

Und dann ist er fort.

Die Ketten, die T.F. hielten, fallen rasselnd zu Boden und da ertönen auch schon die Schreie der Menge. Meine Ketten sind noch immer fest verschlossen. Ich komme hier nicht raus, aber der Ausdruck auf Gangplanks Gesicht ist es wert.

Die Kanonenkette reißt mich von meinen Füßen. Ich komme krachend auf dem Deck auf und ächze vor Schmerz. In der nächsten Sekunde werde ich über den Rand des Bootes gezogen.

Das kalte Wasser überwältigt mich, raubt mir den Atem.

Dann bin ich unter Wasser, sinke schnell in die Dunkelheit.

Der Fall, Ein Kampf mit der Dunkelheit, Friede Bearbeiten

Bilgewasser Gezeitenbrand A3T2
Erzählt von Twisted Fate Twisted Fate.

Die Karte, die mir Malcolm in die Hand drückt, könnte mich mit Leichtigkeit zum Kai bringen. Ich bin so nah am Ufer und von dort aus wäre die riesige Menge perfekt, um in ihr unterzutauchen. In einer Stunde könnte ich von diesem Rattenarsch von einer Insel runter sein. Und dieses Mal würde mich niemand je finden.

Dann ist alles, was ich vor meinem inneren Auge sehen kann, sein stinksaures Gesicht, das in der Tiefe verschwindet.

Dieser Bastard.

Ich kann ihn nicht zurücklassen. Nicht nach dem, was beim letzten Mal passiert ist. Davor kann ich nicht wegrennen. Ich weiß, wo ich hin muss.

Der Druck wird größer und dann gleite ich hinüber.

In der nächsten Sekunde bin ich direkt hinter Gangplank, bereit zum Angriff.

Einer von der Mannschaft erblickt mich – er sieht verdattert aus, als würde er versuchen klarzubekommen, wie ich dort hinkomme. Während er darüber nachdenkt, ramme ich ihm meine Faust direkt ins Gesicht. Er bricht in einer Menge verblüffter Deckarbeiter zusammen. Sie alle drehen sich mit gezogenen Entermessern zu mir um. Gangplank führt den Angriff an und will mir den Hals aufschlitzen.

Doch ich bin schneller. Eine geschickte Bewegung und ich gleite unter dem gewölbten Stahl ab und ziehe Gangplanks kostspieligen, silbernen Dolch aus seinem Gürtel. Hinter mir höre ich ein Fluchen, das den Mast zum Bersten bringen könnte.

Ich springe aufs Deck, verstaue den Dolch in meiner Hose, während das Ende der Kette auf den Schiffsrand zu rast. Ich mache mich lang und kriege das letzte stählerne Kettenglied zu fassen, bevor es über Bord geht und verschwindet.

Der Ruck der Kette schleudert mich über die Seite und erst jetzt realisiere ich, was ich da tue.

Das Wasser kommt immer schneller auf mich zu. In diesem wie in Zeitlupe ablaufenden Moment will jeder Teil von mir die Kette loslassen. Zum Flussvolk zu gehören und nicht schwimmen zu können, hat mich mein ganzes Leben lang geplagt. Jetzt wird es mein Tod sein.

Ich hole ein letztes Mal tief Luft. Dann pflügt sich eine Musketenkugel durch meine Schulter. Ich schreie vor Schmerz auf und der letzte Atemzug ist fort, bevor ich unter Wasser gezogen werde.

Eiskaltes Wasser schlägt mir ins Gesicht, als ich in die atemlose Tiefe sinke.

Dies ist mein Albtraum.

Panik steigt in mir auf. Ich versuche sie zu unterdrücken. Ich drehe beinahe durch. Weitere Schüsse zischen über mir durch das Wasser. Ich sinke immer noch.

Haie und Barsche kreisen. Sie schmecken das Blut. Sie folgen mir tiefer in den Abgrund.

Alles ist nur noch Schrecken. Jetzt ist da kein Schmerz mehr. Das Herz pocht in meinen Ohren. Die Brust brennt. Muss das Wasser draußen behalten. Dunkelheit umhüllt mich. Zu tief. Kein Weg zurück. Das weiß ich jetzt.

Aber vielleicht kann ich Malcolm retten.

Unter mir spüre ich einen Aufprall und die Kette wird schlaff. Die Kanone ist auf dem Meeresboden aufgekommen.

Ich ziehe mich an der Kette hinunter in die Schatten. Ich kann einen Schemen erkennen. Ich glaube, es ist Graves. Fieberhaft zerre ich mich zu ihm hin.

Dann ist er direkt vor mir, auch wenn ich kaum sein Gesicht ausmachen kann. Ich glaube, er schüttelt den Kopf und ist wütend, dass ich zurückgekehrt bin.

Mir wird schwarz vor Augen. Mein Arm ist taub und mein Schädel droht zu zerspringen.

Während ich die Kette loslasse, ziehe ich den Dolch aus meinem Gürtel. Meine Hände zittern.

Ich taste in der Dunkelheit herum. Wie durch ein Wunder finde ich das Schloss von Graves' Handschellen. Ich nutze die Klinge, um das Schloss aufzubrechen, wie ich es mit Tausenden Schlössern zuvor getan habe. Doch meine Hände wollen nicht aufhören zu zittern.

Selbst Graves muss entsetzt sein. Seine Lungen müssen jetzt langsam versagen. Das Schloss gibt nicht nach.

Was würde Malcolm tun?

Ich drehe den Dolch. Keine Raffinesse mehr, nur noch rohe Gewalt.

Etwas gibt nach. Ich glaube, ich habe mir in die Hand geschnitten. Der Dolch fällt. Der Dolch fällt. In den Abgrund. Da geht er dahin …Glüht er?

Über mir leuchtendes Rot. Rot und Orange... Überall. Es ist wunderschön... So fühlt es sich also an zu sterben.

Ich lache.

Wasser strömt in meine Lungen.

Es ist friedlich.

Feuer und Ruin, Ein Abschluss, Wendung zum Schlechteren Bearbeiten

Bilgewasser Gezeitenbrand A3T3

Vom Deck ihres Schiffes, der Syrene, aus starrte Miss Fortune über den Hafen. Die Flammen spiegelten sich in ihren Augen wider, während ihr das volle Ausmaß der Zerstörung, die sie hervorgerufen hatte, bewusst wurde.

Alles, was von Gangplanks Schiff übrig geblieben war, waren brennende Trümmer. Die Mannschaft wurde von der Detonation getötet, ist im Chaos ertrunken oder den Messerfischschwärmen zum Opfer gefallen.

Es war herrlich. Ein immenser, rollender Feuerball hatte die Nacht wie eine neue Sonne erhellt.

Die halbe Stadt wurde Zeuge; Gangplank selbst hatte dafür gesorgt, wie sie es vorhergesagt hatte. Er musste Twisted Fate und Graves vor den Augen Bilgewassers vorführen. Er hatte alle daran erinnern müssen, weshalb ihm niemand in die Quere kommen sollte. Für Gangplank waren Menschen nur Werkzeuge, die man einsetzte, um die Kontrolle zu behalten – also hatte sie dies genutzt, um ihn zu töten.

Schreie und läutende Glocken schallten von der Hafenstadt herüber. Die Kunde würde sich wie ein Lauffeuer verbreiten.

Gangplank ist tot.

Ihre Mundwinkel hoben sich zu einem Lächeln.

Die heutige Nacht war nur der krönende Abschluss: T.F. anheuern, Graves den Tipp geben – alles nur, um Gangplank abzulenken. Es hat Jahre gedauert, ihre Vergeltung einfordern zu können.

Miss Fortunes Lächeln verflog.

Von dem Moment an, in dem er, das Gesicht hinter einem roten Halstuch verborgen, in die Werkstatt ihrer Familie gestürmt war, hatte sie sich auf diesen Moment vorbereitet.

Sarah hat an diesem Tag beide Eltern verloren. Sie war noch ein Kind, doch er schoss sie nieder, während sie dastand und mitansehen musste, wie ihre Eltern auf dem Boden verbluteten.

Gangplank hatte sie eine harte Lektion gelehrt: ganz gleich, wie sicher du dich fühlst, deine Welt – alles, was du aufgebaut hast, alles, was dir etwas bedeutet, – kann dir von einer Sekunde auf die andere genommen werden.

Gangplanks Fehler war, nicht sicherzustellen, dass sie wirklich tot war. Ihre Wut und ihr Hass hatten sie die erste kalte und schmerzliche Nacht, und seitdem jede weitere Nacht, durchstehen lassen.

Fünfzehn Jahre lang hatte sie alles zusammengekratzt, was sie benötigte. Sie hatte so lange gewartet, bis er sich nicht mal mehr an sie erinnerte, sodass er seine Deckung fallen gelassen und sich in dem Leben, das er sich aufgebaut hatte, eingerichtet hatte. Erst dann war es wirklich möglich, dass er alles verlieren würde. Erst dann würde er wissen, wie es sich anfühlte, sein Zuhause, seine Welt zu verlieren.

Sie hätte sich frei fühlen sollen, doch sie fühlte sich nur leer.

Als er zu ihr an das Dollbord trat, riss Rafen Sarah aus ihrem Tagtraum.

„Er ist fort.“, sagte er. „Es ist vorbei.“

„Nein“, antwortete Miss Fortune. „Noch nicht.“

Sie wandte sich vom Hafen ab und ließ ihren Blick über Bilgewasser schweifen. Sarah hatte gehofft, dass Gangplanks Ende auch das Ende ihres Hasses sein würde. Doch es hatte ihn vielmehr entfesselt. Zum ersten Mal seit jenem Tag fühlte sie sich wirklich mächtig.

„Dies war nur der Anfang“, sagte sie. „Ich will, dass sich jeder, der ihm treu war, verantworten muss. Ich will die Köpfe seiner Leutnants an meiner Wand aufreihen. Brennt jedes Bordell, jede Taverne und jedes Lagerhaus, das sein Zeichen trägt, nieder. Und ich will seinen Leichnam.“

Rafen war entsetzt. Worte wie diese hatte er schon gehört, doch nie von ihr.

Roter Himmel, Fischfutter, Versöhnung Bearbeiten

Bilgewasser Gezeitenbrand A3T4
Erzählt von Graves Graves.

Ich habe viel darüber nachgedacht, wie ich abtreten will. Wie ein Hund an einer Kette am Meeresboden festgemacht? Das ist mir nie in den Sinn gekommen. Zu meinem Glück gelingt es T.F., das Schloss an meinen Handschellen zu knacken, bevor er den Dolch fallen lässt.

Ich zwänge mich aus den Ketten, lechze nach Luft. Ich drehe mich zu T.F. Der arme Bastard bewegt sich nicht. Ich schlinge meine Hand um seinen Kragen und beginne, mit tretenden Bewegungen Richtung Oberfläche zu schwimmen.

Während wir aufsteigen, ist plötzlich alles in hellem Rot erleuchtet.

Eine Schockwelle lässt mich unter Wasser einen Purzelbaum schlagen. Eisensplitter sinken an uns vorbei in die Tiefe. Eine Kanone sinkt auf den Boden. Dann ein verkohltes Stück eines Steuerruders. Auch Körper. Ein von Tattoos überzogenes Gesicht starrt mich unter Schock an. Dann verschwindet der abgetrennte Kopf langsam in der Dunkelheit unter uns.

Ich schwimme schneller, meine Lungen sind kurz davor zu platzen.

Ewigkeiten später durchbreche ich die Wasseroberfläche, huste Salzwasser aus und schnappe nach Luft. Doch diese kann man kaum atmen. Rauch raubt mir den Atem und brennt sich in meine Augen. Ich habe in meinem Leben schon das eine oder andere brennen sehen, aber nichts brannte so wie das hier. Es sah aus, als hätte jemand die ganze Welt in Brand gesetzt.

„Verdammt...“ Höre ich mich sagen.

Gangplanks Schiff ist weg. Rauchende Trümmerteile sind in der ganzen Bucht verstreut. Glühende Holzinseln zerfallen um uns herum und gehen zischend unter. Direkt vor uns fällt ein loderndes Segel herab und zieht T.F. und mich fast endgültig nach unten. Brennende Männer springen in ihrer Verzweiflung von schwelenden Wrackteilen in das Wasser und setzen damit ihren Schreien selbst ein Ende. Es riecht wie das Ende aller Tage – Schwefel und Asche und Tod; gekochtes Haar und schmelzende Haut.

Ich sehe nach T.F. Ich habe zu kämpfen, ihn über Wasser zu halten. Dieser Hurensohn ist um einiges schwerer als er aussieht, und dass die Hälfte meiner Rippen gebrochen ist, hilft auch nicht gerade. Ich finde ein verkohltes Stück Schiffsrumpf, das in der Nähe treibt. Sieht stabil genug aus. Ich ziehe uns beide darauf. Es ist nicht exakt das, was man seetüchtig nennen würde, aber es wird genügen.

Zum ersten Mal kann ich mir T.F. genauer ansehen. Er atmet nicht. Ich hämmere mit meinen Fäusten auf seine Brust. Gerade, als ich mir Sorgen mache, seine Rippen einzuschlagen, hustet er eine Lungevoll Seewasser aus. Ich sacke zusammen und schüttele meinen Kopf, als er langsam zu sich kommt.

„Du dämlicher Hurensohn! Weshalb bist du zurückgekommen?“

Er braucht eine Minute, um zu antworten.

„Dachte, ich versuch's mal auf deine Weise“, murmelt er lallend. „Wollt' mal seh'n, wie sich so'n sturer Arsch fühlt.“ Er würgt noch mehr Wasser hoch. „Fühlt sich scheußlich an.“

Messerfische und noch miesere Seeviecher beginnen sich um uns zu scharen. Ich habe nicht vor, jemandes Fischfutter zu werden. Ich ziehe meine Füße vom Rand weg.

Ein geschundenes Crewmitglied treibt an die Oberfläche, greift nach unserem Floß. Ich platziere meinen Stiefel in sein Gesicht und schiebe ihn weg. Ein fetter Tentakel schlingt sich um sein Genick und zieht ihn wieder hinunter. Jetzt sind die Fische zumindest mit etwas anderem beschäftigt.

Bevor ihnen das Frischfleisch ausgeht, breche ich eine Planke von unserem Boot ab und nutze sie, um uns aus diesem Wahnsinn herauszupaddeln.

Ich rudere gefühlte Stunden lang durchs Wasser. Meine Arme sind schwer wie Blei und tun weh, doch aufhören kommt nicht in Frage. Sobald ich etwas Abstand zwischen uns und das Massaker gebracht habe, breche ich auf dem Rücken zusammen.

Ich bin ausgebrannt wie die leere Hülse einer Schrotflinte, als ich auf die Bucht hinaus schaue. Sie ist von Gangplanks Blut und dem seiner Mannschaft rot gefärbt. Kein einziger Überlebender in Sicht.

Wie kommt es, dass ich noch immer atme? Vielleicht bin ich der größte Glückspilz Runeterras. Oder vielleicht hat T.F. genug Glück für uns beide.

Ich sehe einen leblosen Körper vorübergleiten, der etwas bei sich hat, das mir vertraut erscheint. Es ist Gangplanks kleiner, inzüchtiger Bastard, der noch immer T.F.s Hut hat. Ich nehme ihn ihm ab und werfe ihn T.F. zu. Er ist nicht mal ein bisschen überrascht, als hätte er immer gewusst, er würde ihn zurückbekommen.

„Jetzt müssen wir nur noch deine Knarre finden“, sagt er.

„Was, kannst es kaum erwarten da wieder runter zu tauchen?“ Sagte ich, während ich in Richtung Tiefe zeige.

T.F. nimmt einen lustigen Grünton an.

„Dafür haben wir keine Zeit. Wer auch immer für all das hier verantwortlich ist, hat dafür gesorgt, dass Bilgewasser nun ohne Anführer dasteht“, erzähle ich ihm. „Hier wird's ungemütlich, und das schon bald.“

„Du willst mir erzählen, du kannst ohne deine Knarre leben?“, fragt er.

„Vielleicht nicht“, antworte ich. „Aber ich kenne einen richtig guten Waffenschmied in Piltover.“

„Piltover …“, sagt er gedankenverloren.

„Da ist gerade viel Geld im Umlauf“, gebe ich zu bedenken.

T.F. denkt einen Moment scharf nach.

„Hmm. Bin nicht sicher, ob ich dich wieder als Partner haben will – du bist sogar noch dämlicher als du früher warst“, antwortet er endlich.

„Das geht in Ordnung. Ich bin mir nicht sicher, ob ich einen Partner mit dem Namen Twisted Fate haben möchte. Wer zur Hölle kam denn auf die Idee?“

„Na ja, das ist 'ne ganze Ecke besser als mein richtiger Name“, lacht T.F.

„Wo du recht hast“, gebe ich zu.

Ich grinse. Es fühlt sich an wie in alten Tagen. Dann wird mein Gesicht steinhart und ich sehe ihm in die Augen.

„Da ist nur eine Sache: Wenn du noch einmal auch nur in Betracht ziehst, mich mit der Tasche zurückzulassen, werde ich dir deinen gottverdammten Kopf wegpusten. Ohne Diskussion.“

Fates Lachen verstummt und einen Moment lang blitzt er mich an. Nach einer Weile lächelt er einfach.

„Abgemacht.“

[3]

Chaos, Der ruinierte Mann, Zweck Bearbeiten

Bilgewasser Gezeitenbrand Epilog

Bilgewasser verschlang sich selbst. Die Straßen waren erfüllt mit den Schreien der Verzweifelten und der Sterbenden. Feuer, die in den heruntergekommenen Elendsvierteln brannten, ließen Asche auf die gesamte Stadt niederregnen. Alles geriet außer Kontrolle und nun stürzte jede Bande los, um das Machtvakuum auszufüllen, das vom Sturz eines Mannes ausgelöst wurde. Ein ganzer Krieg war durch die Verbreitung drei einfacher Worte ausgelöst worden: Gangplank ist tot.

Brutaler Ehrgeiz und kleinliche Fehden, die seit Jahren schwelten, wurden nun offen ausgetragen.

Am Hafen überfiel eine Gruppe Walfänger einen rivalisierenden Fischer. Sie spießten ihn mit Harpunen auf und ließen seinen Leichnam von einem Fangnetz herunterhängen.

Am höchsten Punkt der Insel wurden eindrucksvolle Tore, die dort seit der Gründung Bilgewassers gestanden hatten, zerschlagen. Ein kauernder Bandenanführer wurde von einem Rivalen aus seinem Bett gezerrt. Seine wimmernden Schreie verstummten, als sein Schädel auf dem handgearbeiteten Marmor seiner eigenen Eingangstreppe zerbarst.

Am Kai versuchte eine flüchtende Rotkappe die Blutung an seiner Kopfwunde zu stillen. Er schaute über seine Schulter, konnte aber keine Anzeichen für seine Verfolger ausmachen. Die Widerhaken hatten die Kappen angegriffen. Er musste zurück zum sicheren Versteck, um seine Leute zu warnen.

Er bog um die Ecke und schrie seinen Brüdern zu, sie sollten ihre Waffen nehmen und mit ihm kommen. Doch sein Blutdurst verklang in seiner Kehle. Vor dem Versteck der Rotkappen stand eine Truppe Haken. Von ihren Klingen tropfte das Blut. An ihrer Spitze verzog eine hagere Gestalt, die kaum das Mannesalter erreicht hatte, ihr pockenvernarbtes Gesicht zu einem bösartigen Grinsen.

Der Rotkappe blieb Zeit, einen letzten Fluch auszusprechen.

Am anderen Ende der Bucht, abseits einer ruhigen Seitengasse versuchte ein Arzt seinem Geschäft nachzugehen. Das Gold, das man ihm gegeben hatte, reichte aus, um sich seine Dienste zu erkaufen – und sein Schweigen zu sichern.

Es hatte eine halbe Stunde gedauert, den durchnässten Mantel vom verschorften Fleisch des Arms des Patienten abzulösen. Der Doktor hatte schon zuvor viele schreckliche Verletzungen gesehen, doch selbst er schreckte beim Anblick der zerfleischten Gliedmaße zurück. Er hielt einen Moment inne, denn er erwartete die Antwort, die seine nächsten Worte hervorrufen würden, mit Schrecken.

„Es... es tut mir Leid. Ich kann Ihren Arm nicht retten.“

Im Schatten des von Kerzen erhellten Raumes sammelte sich die blutverschmierte Gestalt eines ruinierten Mannes, bevor er wankend auf die Beine kam. Seine unversehrte Hand schnappte wie eine Peitsche aus und schlang sich um den Hals des zitternden Doktors. Langsam und gemessen hob er den Chirurgen vom Boden und drückte ihn an die Wand.

Einen schrecklichen Moment lang stand der Grobian teilnahmslos da und betrachtete den Mann in seinem Griff. Dann ließ er ihn abrupt fallen.

Panisch und verwirrt überkam den Heiler ein starker Hustenanfall, während der massige Mann im Schatten sich in den hinteren Teil des Raumes zurückzog. Im Licht der Laterne des Chirurgen zog der Patient die obere Schublade eines abgewetzten Schrankes auf. Systematisch öffnete der Mann auf der Suche nach dem, was er brauchte, jede Schublade. Endlich hielt er inne.

„Alles muss seine Bestimmung haben“, sagte er mit Blick auf seinen verstümmelten Arm.

Er zog etwas aus dem Fach und warf es dem Doktor vor die Füße. Dort, im Licht der Laterne funkelnd, lag der blanke Stahl einer Knochensäge.

„Trenn' ihn ab“, sagte er. „Ich habe noch was zu erledigen.“

[4]


ReferencesBearbeiten

  1. Gezeitenbrand: Akt 1
  2. Gezeitenbrand: Akt 2
  3. Gezeitenbrand: Akt 3
  4. Gezeitenbrand: Epilog

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